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Sexualmagie

Schon immer ist den Menschen wohl bewusst gewesen, dass die sexuelle Erfahrung ihnen mehr als nur sinnliches Vergnügen bereiten kann. Auf mysteriöse, ja fast magische Weise kann sie das Bewusstsein schärfen, die Wachheit vergrößern und das rein körperliche Erleben und darüber hinaus auch noch andere Empfindungen verstärken. Aber nicht nur aus diesen Gründen umgibt die Sexualität etwas magisches. Durch ihre Verbindung zur Fortpflanzung – nur hier kommt der Mansch annähernd an die göttliche Fähigkeit, Leben zu schaffen, heran – haftet der Sexualität auch etwas Mysteriöses, Machtvolles an. In alten Legenden wird die Erschaffung der Erde mit den sexuellen Aktivitäten von göttlichen Wesen in Verbindung gebracht; andere Mythen bedachten die Götter mit diversen sexuellen Eigenschaften.

In Ritualen wurden häufig sexuelle Vorstellungen und Stimulierungen eingesetzt, wenn auch oft sorgfältig versteckt, um diese grundlegende menschliche Energie wachzurufen und zu steuern. Im alten Griechenland wurden die Götter und ihre Verehrer oft im Zustand sexueller Erregung dargestellt. Die durch sexuelle Stimulation erzeugte Lust und das gesteigerte Bewusstsein wurden als Teil der Ekstase religiöser Verehrung gezeigt. Oft wurde angenommen, dass die Gläubigen während des Geschlechtsverkehrs von den Göttern besessen waren (mit allen sexuellen Anklängen).

Ekstatische Zustände, Visionen, Stimmen und übernatürliche Erfahrungen gingen oft einher mit den Höhepunkten der sexuellen Erregung. In diesem Zustand, in dem der Physische Körper mit einer höheren Existenz zu verschmelzen schien, glaubte der Mensch, dem Göttlichen, dem sich in der Sexualität manifestierenden kreativen Lebensprozess am nächsten zu sein.

Mit der Ausbreitung des Christentums und der nachfolgenden Entwicklung einer äußerst puritanischen Einstellung zur Sexualität konnten diese religiösen Erfahrungen nicht mehr in der Öffentlichkeit gemacht werden, weil sie von der Kirche heftig verfolgt wurden. Die Sexualität wurde mit dem Teufel in Verbindung gebracht, doch ihre Macht, das menschliche Bewusstsein zu vergrößern und ekstatische Zustände hervorzubringen, wurde nie geleugnet. Nun jedoch wurde behauptet, dass der Teufel seinen Schülern diese Macht verleihe. So basierten die Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert zum größten Teil auf "Nachweisen" von sexueller Bestätigung im Zusammenhang mit der Teufelsverehrung. Psychologisch gesehen sind sie wohl zu einem Großteil auf die sexuelle Frustration der Menschen zurückzuführen, die mit abnormen repressivem Moralvorstellungen leben mussten. Den als Hexen Angeklagten wurde als Schuldbeweis oft nacktes Tanzen, „abnormales“ sexuelles Verhalten, Geschlechtsverkehr mit dem Teufel und die Verwendung von sexuell anregenden Drogen vorgeworfen.

Doch gab es auch diverse Bewegungen, die von den Anfängen des Christentums bis ins Mittelalter hinein die alten Traditionen der sexuellen religiösen Erfahrung aufrechterhielten. So wurde etwa den Tempelrittern oft vorgeworfen, als Teil ihrer magischen Rituale Sodomie zu betreiben.

Bei den berüchtigten Schwarzen Messen des traditionellen Satanismus wurde häufig ein sexueller Ritus vollzogen, bei dem der Ausübende mit einer Prostituierten, die als Altar diente, sexuell verkehrte. Die Erregung der übrigen Teilnehmer wurde durch stimulierende Mittel gesteigert.

Obwohl viele Völker und religiöse Traditionen Sexualität mit religiöser Erfahrung in Verbindung brachten, gab es nur wenige Gruppen, die die Sexualität tatsächlich einsetzten, um religiöse und magische Macht zu gewinnen. In den tantrischen Traditionen des Hinduismus gibt es diverse sexuelle Techniken, die das Bewusstsein steigern und zu religiösen Erfahrungen führen sollen. Meist wurden die tantrischen Lehren geheimgehalten und nur vorn Guru zu Schüler weitergegeben. Auch bei einigen buddhistischen Schulen entwickelten sich solche tantrischen Traditionen.

Der Westen erfuhr vom Tantrismus durch Aleister Crowley, der eine Reihe sexueller Praktiken, von der rituellen Masturbation über homosexuelle und heterosexuelle Akte bis hin zu Bestialität, Sadismus und Masochismus, ausdrücklich zur Erlangung magischer Macht und Erfahrung einsetzte. Zu seinen sexualmagischen Lehren gelangte er sowohl aufgrund eigener Nachforschungen und Experimente als auch durch die Traditionen des Ordo Templi Orientis, einer magischen Bruderschaft, der er angehörte. 1896 in Deutschland von Theodor Reuß gegründet, war der auch als O. T. O. bekannte Orden eine okkulte Bruderschaft, die auf der Sexualmagie basierte.




Ausgehend von Crowley und seinen Schülern entwickelten sich mehrere Gruppen, die sich mit Sexualmagie beschäftigten:

  1. Gruppen, die behaupten, die Traditionen des Ordo Templi Orientis fortzusetzen, von denen es in der ganzen Welt, vor allem in den USA, Skandinavien und Europa Ableger gibt;
  2. Gruppen, die behaupten, die Thelema-Traditionen Aleister Crowleys fortzusetzen (Thelema = griechisch "der Wille"; "Tu, was du willst..."). Oft sind es die gleichen Gruppen wie unter 1. erwähnt;
  3. einige Hexensekten, die sexuelle Techniken für magische Zwecke einsetzen;
  4. tantrische Yoga-Gruppen, vor allem in den USA, die die aus Indien stammenden Lehren praktizieren;
  5. die Gemeinschaft Great Brotherhood of God von Lois Culling in den USA;
  6. einige Gruppen innerhalb der Church of Satan in den USA.


Mit dem heute ständig zunehmenden Interesse sowohl am Okkulten als auch an der Sexualität nimmt natürlich auch das Interesse an den sexualmagischen Traditionen zu.




Die Sexualmagie basiert auf einer Reihe von Prinzipien:

  1. Der Mensch besitzt verborgene Kräfte (oft im Unbewussten lokalisiert), mit deren Hilfe er seine Wahrnehmung steigern, ekstatische Zustände hervorrufen, seine Bewusstsein vergrößern sowie seine körperlichen, emotionalen und geistigen Kräfte steigern kann.
  2. Diese Kräfte sind unter einer Art "Barriere" vergraben, die nicht bewusst durchgebrochen, jedoch durch eine Reihe von Techniken, bis zu einem gewissen Ausmaß auch durch Drogen und Alkohol überwunden werden kann.
  3. Diese "Barriere" kann überwunden werden, indem man den körperlichen, emotionalen und intellektuellen Fokus des Körpers durch sexuelle Stimulanz schärft, was am Punkt des Orgasmus, an dem Energie freigesetzt wird, zu einem "Durchbruch" führt.
  4. Diese freigesetzte Energie kann für viele Zwecke eingesetzt werden - zur Erlangung eines ekstatischen Bewusstseinszustandes (ein Gefühl von Befreiung und Vereinigung, meist ein tantrisches Ziel) oder auch für magische Zwecke (zum Beispiel der Auferlegung eines Fluchs).
  5. Die Energie kann ebenfalls bis zu einem gewissen Maß in diversen Objekten oder Substanzen festgehalten werden: beispielsweise in einem Talisman, der mit sexuellen Sekreten benetzt wird, oder in Objekten, die im Augenblick des Orgasmus mit dieser Energie "aufgeladen" werden; solche Objekte sind dann kraftvolle "Batterien".





Ausgehend von diesen Prinzipien werden diverse sexualmagische Techniken eingesetzt:

  • Autosexuelle: Häufig dienten Masturbationstechniken dazu, dass Bewusstsein des Magiers zu steigern, seine magischen Kräfte zu zentrieren und zu stimulieren, die in der Freisetzung der Energie während des Orgasmus kulminieren und im Sperma konzentriert wird. Diese Technik wurde vor allem von dem englischen Magier Austin Spare praktiziert, der ein Tongefäß als Masturbationshilfe einzusetzen pflegte, in dem er anschließend die derart gewonnene magische Energie konzentrierte und aufbewahrte.


  • Heterosexuelle: Es gibt diverse sexualmagische Techniken, obgleich die zum Orgasmus führende heterosexuelle Stimulation nicht unbedingt im eigentlichen Geschlechtsverkehr münden muss; die sexuellen Sekrete beider Geschlechtspartner sind zu magischen Zwecken eingesetzt worden, und vieles aus dem Alchemistischen Symbolismus stammt aus der Vorstellung des Geschlechtsverkehrs zu magischen Zwecken.


  • Homosexuelle: Mehrere magische Techniken haben homosexuelle - orale und anale - Beziehungen zur Grundlage. In manchen magischen Traditionen sind diese Beziehungen als "Umkehrung" des natürlichen sexuellen Ausdrucksform mit der Teufelsverehrung und der Schwarzen Magie in Bezug gebracht worden. Einige Magier, vor allem Crowley, aber angeblich auch die Tempelritter, haben homosexuelle Praktiken für okkulte Praktiken eingesetzt.





Bei den sexualmagischen Techniken gibt es eine Reihe von körperlichen und intellektuellen Prozeduren:

  • die Stimulierung und Erregung des Körpers, der Gefühle und des Geistes durch alle möglichen Mittel, vorausgesetzt, dass eine bewusste Kontrolle aufrecherhalten wird; dies kann einen bedachten Einsatz von Drogen, Alkohol, Speisen, Musik und Bildern beinhalten;


  • die Beibehaltung dieser Stimulierung und Erregung während einer Phase der Konzentration, in der das Individuum bis hin zu einem "fieberhaften Höhepunkt" von Energie und Erregung gelangt;


  • die Konzentration des Bewusstseins und der gesamten Vorstellungskraft des Individuums auf das erwünschte Ziel des magischen Aktes. Wenn der Akt zum Beispiel die Erlangung körperlicher Gesundheit zum Ziel hat, sollte der Körper als gesund, kraftvoll und energiegeladen gesehen werden;


  • dieses Bild muss während des gesamten Stimulationszeitraumes sorgfältig und genauestens zusammengestellt und aufrechterhalten werden, so dass es zum Zeitpunkt des Orgasmus am vollständigsten strukturiert und am greifbarsten ist. Wenn das Ziel die Weihung eines Talismans ist, sollte beim Orgasmus die gesamte Energie auf den Talisman übergehen können;


  • die Freisetzung der stimulierten Energie in einen vorher vorbereiteten und strukturierten Kanal, in dem sie je nach dem Willen des Magiers weitergelenkt werden kann, entweder in ein tatsächliches Objekt oder intellektuell auf ein bestimmtes Ziel hin;


  • ein Zeitraum der Entspannung, in dem das gewünschte Ziel noch immer geistig festgehalten werden wollte, um das Bild zu festigen, und wo Körper, Gefühle und Geist sich entspannen und neu aufladen können.




Interessanterweise verwenden einige moderne Psychologen und Sexualberater eben diese Techniken bei der Behandlung zahlreicher sexueller Probleme (zum Beispiel Fetischismus). Dem Patienten wird beigebracht, die sexuelle Energie allmählich zu einer Neuorientierung seiner Sexualität einzusetzen.

Siehe auch: Quellen unseres Wissens...

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