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Kabbala

Die Kabbala hat vielleicht mehr als jede andere mystische Richtung das Okkulte grundlegend beeinflusst. Wie bei den meisten mystischen Systemen werden auch hier die Bewusstseins- und Seinsstufen zwischen dem Menschen und dem Göttlichen beschrieben, aber nicht aus diesem Grund ist die Kabbala zur Grundlage der modernen Magie geworden. Sie stützt sich im wesentlichen auf ein komplexes System, den Baum des Lebens, und weil dieser Baum ein derart pragmatischer Rahmen ist, an dem sich die grundlegenden Rituale und Meditationen orientieren, ist die Kabbala auch heute noch von Bedeutung.

In der kabbalistischen Tradition - der Begriff 2BL., von dem Kabbala abgeleitet wurde, bedeutet mündlich überlieferte Geheimlehre - stammt das gesamte sichtbare Universum von En-Soph ab, der verborgenen und grenzenlosen göttlichen Energie, die ohne Eigenschaften und Attribute ist. Die Kabbalisten glaubten, dass diese Grenzenlosigkeit verloren ginge, sobald man versuchte, En-Soph Eigenschaften zuzuordnen.

Der Baum des Lebens beschreibt eigentlich eine Art von Kristallisationsprozess, in dem das Grenzenlose allmählich Grenzen bekommt, und letzteres ist die Welt, wie wer sie wahrnehmen. Für den Kabbalisten gibt es jedoch Zwischenstufen des Seins, des Geistes, der Energie oder des Bewusstseins - wie auch immer man dies bezeichnen möchte. En-Soph enthüllt dem Menschen also Aspekte seiner Göttlichkeit, und auf dem Baum des Lebens werden diese durch zehn Hauptstufen, die Sephiroth, symbolisiert. In der modernen magischen Praxis können die Sephiroth am ehesten als Bewusstseinsstufen gesehen werden. Der Magier beginnt mit dem momentanen Zustand seines „irdischen Bewusstseins" und versucht, die geheiligten Schritte zum Göttlichen zurückzuverfolgen. Die zehn Stufen werden beschrieben als: Kether – Krone, der Gipfel der Schöpfung; Chockmah – Weisheit (der Vater); Binah – Verstand (die Mutter); Chesed – Gnade; Geburah – Stärke oder Härte; Tiphereth – Schönheit oder Harmonie (der Sohn); Nezach – Sieg; Hod – Ruhm, Glorie; Jesod – Fundament; Malkuth - Königreich auf Erden (die Tochter).

Sofort fällt auf, dass einige Sephiroth „persönlich" beschrieben werden – der Vater, die Mutter, der Sohn, die Tochter -, andere hingegen nur abstrakt, zum Beispiel Gnade. Eine eingehendere Analyse zeigt jedoch, dass dem nicht so ist, vor allem, wenn man sieht, wie der Baum in die Magie integriert worden ist. Der Magier betrachtet die Gottheiten verschiedener Weltreligionen und bemüht sich, sie zu vergleichen und sie zueinander in Beziehung zu setzen, wobei er ihre Eigenschaften, geheiligten Fähigkeiten und die von ihnen personifizierten Bestrebungen beachtet. Die Gottheiten symbolisieren für ihn das, was er selbst vielleicht einmal werden wird; ihre Mythologie ist für ihn eine Art symbolischer Energieprozess, der tief in den spirituellen Bereichen seines Geistes abläuft. Dies wollte C. G. Jung mit seiner Theorie der Archetypen im kollektiven Unbewussten verdeutlichen, aber für den Magier ist dies eine pragmatische Realität. Er weiß, dass die Götter in seinem Geist wohnen, und entwickelt Rituale und Meditationen als Hilfsmittel um ihnen zu begegnen.

Auf dem Baum des Lebens spielt jede Sephiroth-Stufe des Bewusstseins eine wichtige harmonisierende Rolle.

Die Krone, Kether, steht an der Spitze des Baumes. In dieser Stufe wird die Dualität überwunden, ähnlich wie im Nirwana des Buddhisten, einem Zustand grenzenloser Glückseligkeit. Den nächsten Stufen, Chockmah und Binah – Großer Vater bzw. Große Mutter – , werden Attribute der Sexualität zugeschrieben. Zusammen mit Kether bilden sie die kabbalistische Dreifaltigkeit. Chockmah ist die nach außen gehende, dynamische, schöpferische Kraft, Binah ist der Bauch, aus dem alles entsteht, die Mutter von uns allen.

Interessanterweise betrachten die Kabbalisten ihre Lehren zum Teil als Kommentar zur Genesis; die verbleibenden sieben Stufen auf dem Baum sollen die sieben Tage der Schöpfung repräsentieren. Sie haben auch mythologische Gegenstücke; de facto repräsentieren die sieben Tage das gesamte mystische Universum. Durch den Sündenfall wurde der Mensch von Gott getrennt; zwischen der Trinität und dem Rest des Baums bestellt ein tiefer Abgrund, der Abyssus, den man nach Meinung der Magier zwar überwinden kann, aber dafür müssen erst sämtliche Haftungen des Ego und des Selbst verschwinden. Dann wandelt sich das Begrenzte zum Grenzenlosen.

In der Mythologie beziehen sich die Stufen Chesed und Geburah auf den Vater der uns bekannten Welt. Oft wird behauptet, dass dieser Vater hoch auf einem gewaltigen Berg beheimatet ist, der bis in die Grenzenlosigkeit des Himmels reicht; nicht von ungefähr wohnte Zeus auf den Höhen des Olymp. Chesed repräsentiert den gnädigen Gott – Vater, Geburah repräsentiert ihn im Krieg. Bei den Griechen hieß dieser Gott Ares, bei den Römern Mars. Der Kabbala nach setzt sich das Universum aus einem dynamischen Konflikt zwischen Leben und Tod zusammen, es herrscht ein ständiger Aufbau und Zusammenbruch. Chesed erhält den Frieden und die Ordnung im Kosmos aufrecht, Geburah reißt alles nieder, sobald es keinen Nutzen mehr hat.

Darunter, im Zentrum des Baumes, liegt Tiphereth. Aus dieser Stellung wird deutlich, dass diese Stufe auf halbem Weg zwischen dem Menschen und der Gottheit liegt und damit den gottgleichen Menschen bzw. den Messias repräsentiert. Das Ziel aller spirituellen Systeme ist es, dem Menschen zu ermöglichen, ein Kind der Götter zu werden, und so verkörpert Tiphereth der Sohn. Interessanterweise kommt in unterschiedlichen Religionen und Mythologien Göttern wie Osiris, Apollon, Dionysos und Christus allen eine auffallend ähnliche Rolle als Symbole neuen Lebens zu. Gewöhnlich handelt es sich bei solchen Gottheiten auch um Sonnengötter, da die Sonne mit jedem Morgengrauen aus ihrem nächtlichen „Tod" wiedergeboren wird.

Das Hauptziel des Hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung bestand darin, ihre Mitglieder auf die mystische Erfahrung von Tiphereth vorzubereiten In den Ritualen dieses Ordens finden sich bezeichnenderweise sowohl ägyptische als auch christliche Symbole.

Auf der nächstunteren Stufe des Baumes befindet sich Nezach – die Liebe, die Künste und die Gefühle repräsentierend. Dieser Stufe gegenüber liegt Hod als Gegenstück – der rationale Verstand und die Vernunft. Als nächstes gelangen wir zu Jesod, die die tieferliegenden Bereiche des Geistes repräsentiert. Der Baum stellt ein symbolisches Diagramm dar, welches das geistige Potential des Menschen aufzeigt. In Jesod, die in der Psychologie dem tiefen Unbewussten gleichkommt, finden sich die sexuellen Triebe. Die Kabbalisten bezeichneten diese Stufe als Nephesch oder die animalische Seele, in der Mythologie wird sie vom Mond repräsentiert. So wie der Mond die Sonne reflektiert, spricht die Verehrung des Mondes eher die animalistischen als die spirituellen Instinkte an. In den Mondmessen des Hexenwesens wurde der Gehörnte (das Biest) verehrt und die Hexen ritten auf ihren Besen (einem Phallus-Symbol) zu ihren Messen. Der Hexenglauben war und ist sexuell begründet.

Die letzte Saphirah, Malkuth, repräsentiert unser momentanes Bewusstsein. Es liegt an uns, den Weg zurück in die okkulten Bereiche des Geistes zu finden, die tatsächlich die Quelle aller Inspiration und allen Wissens sind.

Um den klassischen Kabbalisten gerecht zu werden, muss festgestellt werden, dass obige Zusammenfassung eine moderne, okkulte Interpretation der Kabbala ist, nicht eine historische. Natürlich war der Judaismus eine monotheistische Religion und von daher kann man nicht von „den Göttern" sprechen, sondern nur von „dem einen Gott". Doch vielleicht ist der Unterschied zwischen Polytheismus und Monotheismus eher akademisch und entspricht in Wahrheit nur einer symbolischen Aufteilung. Wallis Budge stellte fest, dass sogar im Glauben der alten Ägypter die Götter alle von einem abstammten, Re, obwohl sie aus praktischen Gründen als getrennte, autonome Gottheiten dargestellt wurden.

Magier und Okkultisten betrachten die Kabbala und den Baum des Lebens als einen Rahmen, in den sich sämtliche Symbole westlicher und östlicher Religionen einfügen lassen. Damit geht die Kabbala über ihre ursprünglichen judaischen Grenzen hinaus. In der Neuzeit wurde auch noch eine Verbindung zwischen der großen Arcana des Tarot und den zehn Stufen des Baumes hergestellt. Die Sephiroth entsprechen den eigentlichen Bewusstseinsstufen, die 22 Tarot-Karten „Eingängen" oder "Pfaden", die zu ihnen führen. So ist aus der Kabbala eine komplizierte, tiefgehende „modernisierte" Kosmologie geworden. Mit ihrer Hilfe kann der Mensch seine ganzen geistigen Prozesse harmonisieren und schließlich die darin liegenden Möglichkeiten der spirituellen Erleuchtung wiederentdecken.

Siehe auch: Quellen unseres Wissens...

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